Der Banken-Bitcoin – JP Morgan erschafft eine Kryptowährung

FrankfurtAusgerechnet JP Morgan! In der Kryptowährung-Szene halten aktuell viele Beobachter die Luft an. Wie die weltgrößte US-Bank am Donnerstag mitteilte, hat sie die Entwicklung und Erprobung einer eigenen Kryptowährung abgeschlossen. Nun soll der JPM Coin bei für Zahlungen einsatzbereit sein.

Und doch ist die Strategie der Bank folgerichtig. Denn so skeptisch ihr Chef gegenüber Bitcoin und Co. aufgetreten war, so nachdrücklich erforschte JP Morgan die unterliegende Blockchain-Technologie, die die sicheren, dauerhaft nachvollziehbaren Kryptozahlungen ermöglicht.

JP Morgan hat 2018 mehr als 31 Milliarden Dollar verdient und gibt einen dreistelligen Millionenbetrag im Jahr für die Erforschung der Blockchain-Technik aus. Aus dem Bankenkonsortium R3, das ihre Potenziale testet, ist JP Morgan 2017 ausgetreten. Stattdessen hat man mit Unterstützung von Ethereum-Entwickeln eine eigene Plattform aufgebaut, Quorum. Diese bildet nun die Basis für den JPM Coin.

„JPM Coin is aktuell ein Prototyp, der mit einer kleinen Nummern von JP-Morgan-Geschäftskunden getestet wird“, erklärt Umar Farooq, Leiter digitaler Zahlungsverkehr und Blockchain bei der US-Bank. Später im Jahr werde das Pilotprogramm ausgeweitet. „Wir haben in der aktuellen Phase keine Pläne, ihn für Endkunden anzubieten.“

Damit ist klar, was der JPM Coin alles nicht ist: Er soll keine Konkurrenz sein für Bitcoin und Co. Er entsteht nicht in einem offenen Netzwerk. Und er richtet sich nicht an Privatkunden. Sein Ansatz ist ein anderer: Der JPM Coin ist ein bankeigenes Verrechnungsmittel für die Netze von JP Morgan. Er ist 1:1 an den Dollar gebunden, die Bank garantiert den unbegrenzten Umtausch. Weitere Währungen sollen bald angebunden werden.

Doch was ist der Vorteil eines Coins, der ausschließlich intern Verwendung findet? Laut Umar Farooq soll die Kryptowährung Zahlungen beschleunigen und Transaktionen vereinfachen. Für die Kunden könnten diese damit deutlich billiger werden.

Hat zum Beispiel ein japanischer Konzern einen US-amerikanischen Geschäftspartner und beide sind Kunden bei JP Morgan, könnte der JPM Coin künftig Mittel der Wahl sein. Will die japanische Firma ihrem US-Partner Geld überweisen, muss sie bislang ihr Yen-Guthabens in Dollar umtauschen. Im Anschluss überweist die japanische JP Morgan das Geld über den Atlantik. Erst wenn die Zahlung angekommen und bestätigt ist, kommt der US-Kunde an sein Geld.

Der Prozess kann mehrere Tage dauern und ist teuer. In Zukunft könnte die japanische Firma ihr Konto direkt mittels JP Coin führen. Über die Blockchain kann dieser binnen Minuten manipulationssicher transferiert werden, der US-Kunde direkt darauf zugreifen. Durch Zeit- und Kostenersparnis sollen beide Seiten profitieren.

Hier zeigen sich denn auch die Grenzen des Ansatzes: Da die genutzte Blockchain nicht dezentral ist, sondern zentral von der Bank gesteuert wird, müssen sich alle Geschäftspartner darauf verlassen, dass das Geldhaus bei Bedarf den Coin-Bestand auf dem virtuellen Konto sofort in reales Geld umtauscht. JP Morgan dürfte von Großkunden ausreichend Vertrauen entgegengebracht werden. Für andere, kleinere Banken gilt das nicht automatisch. Außerdem müssen alle Nutzer Kunden von JP Morgan sein, Interbankenzahlungen mit diesem System nicht möglich.

JP Morgan könnte jedoch auch an diesem Punkt erneut überraschen: Auf Ihrer Homepage teilt die Bank mit, der JPM Coin könne grundsätzlich auch mit anderen Blockchain-Netzwerken als der hauseigenen Quorum-Plattform funktionieren.

JP Morgan ist nicht die erste Bank, die Kryptowährungen als Zahlungsmittel testet. Im Rahmen des Bankenkonsortiums R3 erproben eine Reihe an Geldhäusern den Einsatz. Seit 2016 testet die japanische Mitsubishi UFJ Financial Group einen eigenen Coin.

Die schwedische Bank SEB transferiert mithilfe der von Banken bevorzugten Währung Ripple bereits Gelder zwischen Stockholm und New York hin und her. Und die britische HSBC experimentiert mit der Blockchain-Technik im Devisenhandel. Auf der hauseigenen Plattform „FX Everywhere“ habe das Bankhaus so die Abwicklungskosten um ein Viertel senken können, sagte der zuständige Manager Mark Williamson der Nachrichtenagentur Reuters.

Dennoch ist die Entscheidung von JP Morgan, auf einen eigenen Coin zur Abwicklung der Kundenzahlungen zu setzen, ein bedeutender Schritt. Sie bricht mit der an der Wall Street lange vorherrschenden Meinung, dass die Blockchain-Technik zwar zur Transaktion von Informationen vielversprechend sei, zur Transaktion von Werten aber nicht geeignet ist.

Der frühere Blackrock-Banker Adam Grimsley, der den Londoner Krypto-Hedgefonds Prime Factor Capital gegründet hat, sagt, lange hätten Banken im Verborgenen an der Technik geforscht. Mit dem Schritt von JP Morgan ändere sich nun der Blick auf den Markt. „Hier stellt sich eines der weltweit größten regulierten Finanzinstitute mit einer Bilanzsumme von 2,6 Billionen Dollar hinter ein digitales Asset. Ich glaube nicht, dass auch nur ein Kunde, der diesen Coin hält, Zweifel hat, an sein Geld zu kommen.“

„Ob JP Morgan einen Standard setze, der von anderen Banken verwendet wird, ist schwierig zu sagen.“ Aber da JP Morgan die bevorzugte Bank vieler US-Großkonzerne sei, stünden die Chancen gut, sagt Grimsley. Da der JPM Coin technologisch auf der Ethereum-Blockchain basiere, könne die Nachricht dem gesamten Kryptouniversum Auftrieb geben, so seine Hoffnung.

Am Donnerstagabend war davon am Markt noch nichts zu sehen. Bitcoin, Ethereum und andere große Kryptowährungen notierten praktisch unverändert. „Für den Großteil der Anleger scheint die Nachricht auf taube Ohren zu stoßen“, kommentiert Analyst Timo Emden von Emden Research.

Vielleicht ist diese Skepsis sogar gerechtfertigt. Sollte es tatsächlich zum breiten Siegeszug bankeigener Coins kommen, droht der anarcho-libertäre Urvater der Kryptowelt, der Bitcoin, abgehängt zu werden.

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